Interview mit Esther Althoff, Sem.104, derzeit Studentin in Schottland

10 Fragen an: Esther Althoff (Semester 104)

  1. Wo wohnst Du?

Ich wohne zurzeit in Aberdeen, Schottland. Nach dem Abitur am Kolleg bin ich hierher gezogen, um an der Universität Aberdeen zu studieren. Es gefällt mir allerdings so gut in Schottland, dass ich überlege, nach dem Studium hierzubleiben.

  1. Kannst Du beschreiben, wie das Kolleg Deine Lebenswege beeinflusst hat?

Dazu muss ich etwas ausholen. Nachdem ich mit 17 die Schule aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen hatte, fiel es mir schwer eine neue Perspektive zu finden. Ich habe mich mit Minijobs über Wasser gehalten, aber war tief unglücklich über meine Situation. Freunde und Verwandte legten mir nahe, doch mein Abitur am Westfalen-Kolleg nachzuholen, aber es dauerte noch ein oder zwei Jahre bis ich mich tatsächlich dazu entschloss – ich hatte große Angst zu versagen und meine letzte Chance auf eine bessere Perspektive aufgeben zu müssen. Ich kam also mit einem chaotischen und perspektivlosen Hintergrund an das Kolleg; unsicher, ob ich das Abitur überhaupt schaffen würde.

In den drei Jahren am Kolleg habe ich nicht nur mein Abitur nachholen können (entgegen meiner Ängste sogar ganz ohne Probleme), sondern habe mich auch persönlich weiterentwickeln können und den Mut finden können, in ein anderes Land zum Studium zu ziehen.

Als ich an das Kolleg kam, hatte ich Sorge, den akademischen Anforderungen nicht gewachsen zu sein – nach Jahren der Minijobs wie z.B. Putzen, war ich schlichtweg unsicher ob ich die drei Jahre schaffen würde. Das positive Feedback der Lehrenden, sowie Erfolg in Fächern wie Mathe oder Latein haben mich überrascht und mir neuen Mut gegeben. Zudem sind in der Zeit Freundschaften entstanden, die ich wirklich nicht missen möchte. Der bunte Mix von Gründen, weswegen Leute an das Kolleg kommen, sorgt für solch eine tolerante und offene Stimmung, die ich als sehr anregend empfunden habe.

Wie unser Abschlussredner so treffend sagte: Was sich wie ein Schritt zurück anfühlte – wieder in die Schule gehen mit Mitte 20 – hat sich für mich als großer Sprung nach vorne herausgestellt. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, wie sich mein Leben ohne das Kolleg gestaltet hätte.

  1. Hat Dein Beruf etwas mit Deiner Zeit am Kolleg zu tun?

Tatsächlich war ich mir nicht sicher, was ich an der Universität später studieren wollte, als ich an das Kolleg kam. Ich wusste, dass ich einen höheren Bildungsgrad anstreben wollte, aber meine Interessen waren schon immer breit gefächert – Sprachen, Biologie, Naturkunde, Kunst und Geisteswissenschaften haben mich gleichermaßen angesprochen. In meiner Zeit am Kolleg konnte ich all diese Interessen weiterverfolgen und ausbauen. Insbesondere meine LKs, Geschichte und Englisch, haben mir verdeutlicht, dass ich etwas in diese Richtung studieren möchte. In der Tat studiere in Aberdeen nun Geschichte und Archäologie und plane, nach dem (Master-) Studium als Archäologin zu arbeiten.

  1. Hast Du an Projekten oder Exkursionen teilgenommen, die Dich nachhaltig beschäftigt beeinflusst haben?

Im Rahmen der jährlichen Projektwoche hatte ich die Chance Lübeck und Edinburgh zu besuchen; beides geschichtlich interessante Städte, die mir gut gefallen haben und die ich sonst eher nicht hätte besuchen können. Mein Besuch in Edinburgh war mein erster Aufenthalt im englischsprachigen Raum, und hat mir Schottland als Option für mein Studium nahegelegt.

Zudem waren wir dem GeschichtsLK im Kriegsgefangenenlager Stalag 326 (VI K) in Bielefeld-Senne; ein Teil der lokalen Geschichte, die kaum im öffentlichen Bewusstsein existiert und besondere Beachtung verdient; gerade heutzutage.

  1. Welche Kurse, Lehrer, Mitstudierende und/oder Mitbewohner im Wohnheim sind Dir noch in Erinnerung?

Ich erinnere mich noch an viele meiner Mitstudierenden, Lehrer und Kurse, da ich mein Abitur „erst“ vor zwei Jahren beendet habe. Zu einigen habe ich trotz großer Distanz noch Kontakt, und besuche sie, wann immer ich in Deutschland bin – Besuch in Schottland habe ich auch schon bekommen. Ein Besuch im Kolleg ist auch jedes Mal auf dem Plan wenn ich in Deutschland bin, und ist immer spannend.

  1. Was war Dein schönstes Erlebnis am Kolleg?

Es ist wirklich schwer das auf ein Erlebnis zu reduzieren – die drei Jahre waren eine wirklich tolle Zeit, mit vielen schönen Erlebnissen. Besonders positiv in Erinnerung werden mir immer die ‚Rollenspiele‘ in Geschichte bleiben, in welchen wir historische Debatten führten, oder Reden hielten.

Wenn ich an das Kolleg zurückdenke, habe ich sofort sonnige Nachmittage vor Augen – die Fenster der Klassenzimmer zum Rasen hin weit geöffnet; jede leichte Brise willkommen während man Texte liest, diskutiert oder Aufgaben löst.

  1. Was war Dein peinlichstes Erlebnis während Deiner Kolleg-Zeit?

Mir fällt tatsächlich nicht viel Peinliches ein. Vielleicht habe ich es nur gut verdrängen können? Ich denke, am Ehesten passt hier die Tatsache, dass ich in drei Jahren nicht einen einzigen Tag wegen Krankheit gefehlt habe – aber dann am allerletzten Schultag (dem ‚Chaostag‘) so krank war, dass ich das Bett nicht verlassen konnte, und alle meine Schulkameraden ohne mich durch die Klassenzimmer gezogen sind.

  1. Warum würdest Du Deinen Kindern empfehlen/nicht empfehlen, das Westfalen-Kolleg zu besuchen?

Meinen (hypothetischen) Kindern, und jedem, der darüber nachdenkt an das Kolleg zu gehen, würde ich herzlichst empfehlen, die Gelegenheit wahrzunehmen. Während es der gleiche Stoff wie an einem gewöhnlichen Gymnasium ist, sind Gefühl und Dynamik in der Schule ganz anders – die Lehrenden sind motiviert und herzlich, und selbst ‚Horrorfächer‘ wie Mathe verlieren ihren Schrecken (so war es jedenfalls für mich). Zusätzliche Unterstützung gibt es in Form von Lerncafés und Lernwerkstätten, und mir hat es wirklich Spaß gemacht, im English Office mit anderen Studierenden zu lernen.

Zusätzlich freut es mich, dass es auch weiterhin eine Sozialarbeiterstelle am Kolleg gibt – mir hat das in den drei Jahren sehr geholfen; schon alleine was Bafög und Anträge für das Auslandsstudium anging.

Mit Anfang zwanzig dachte ich, dass meine Zukunft nichts für mich bereithält, und dass es zu spät ist, um noch etwas zu ändern. Das haben das Kolleg und die Lehrenden dort gründlich ändern können – deswegen würde ich den Werdegang am Westfalen-Kolleg jederzeit nachdrücklich empfehlen.

  1. Was können wir am Kolleg aus Deiner Sicht noch verbessern?

Während meiner Zeit am Kolleg gab es eine kurze Phase, in dem eine Kunst AG realisiert werden konnte – diese Chance habe ich sehr genossen, und finde, dass die Nachmittagsangebote des Kollegs (wie z.B. Sprachcafés, Theater, Schach & Kunst AG) sehr unterstützenswert sind, und hoffentlich auch in Zukunft angeboten werden können.

  1. Was möchtest Du uns zum Schluss noch sagen?

Ich möchte mich vor Allem herzlichst bedanken – ich weiß wirklich nicht, wo ich ohne das Kolleg wäre. Die Chance, die mir geboten wurde, hat mein Leben in einem Ausmaß verändert, wie ich es niemals für möglich gehalten hätte. Dass ich die drei Jahre Westfalen-Kolleg immer in bester Erinnerung behalten werde, liegt vor Allem an dem engagierten und herzlichen Lehrerkollegium – ich hoffe, dass die Lehrenden wissen, was für einen Unterschied sie in den Leben ihrer Studierenden machen, und wie wichtig diese Unterstützung ist.

Meine Grüße gehen besonders an meine ehemaligen Lehrer Karsten, Christian, Sven, Nicole, Sigrid und Gaby.

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